Begegnung #29 mit Stefanie Rinaldi
Shownotes
Stefanie Rinaldi ist Co-Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls für Didaktik der Nachhaltigkeitswissenschaft und politische Bildung an der PH Luzern. Zudem engagiert sie sich als Vorstandsmitglied bei Scholars at Risk, Schweizer Sektion und beim Verein «Sensability». Stefanie hat ursprünglich Internationale Beziehungen in Genf studiert und arbeitete anschliessend als wissenschaftliche Adjunktin im Bundesamt für Migration. Danach zog es sie erneut ins Studium. So absolvierte sie einen LL.M. in Menschenrechten an der National University of Ireland. Als Stipendiatin des Mercator Kollegs für Internationale Aufgaben beschäftigte sie sich mit der Menschenrechtsbildung in palästinensischen Flüchtlingscamps und arbeitete hierfür sieben Monate im Bildungsdepartement des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge in Amman, Jordanien. Ihre Forschung zur Menschenrechtsbildung vertiefte sie schliesslich in einem Doktorat an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg. In ihrer heutigen Funktion als Lehrstuhlinhaberin setzt sie sich vor allem mit Nachhaltigkeitsbildung und politischer Bildung auseinander.
Moderation: Serina Heinen Website: www.studienstiftung.ch Produktion: Podcast Zurich Graphik Logo: Bettina Gysin, basierend auf ein Werk von Alissa Siara, ehemalige Geförderte
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00:00:00: Stefanie Rinaldi: Bei mir war es so, dass bei meinem Assessment für die Schweizerische Studienstiftung eine der Assessorinnen gesehen hat, dass ich sehr gerne Sprachen habe. Dann meinte sie: Wieso lernen Sie nicht einmal eine ganz andere Sprache, zum Beispiel Arabisch?
00:00:17: Stefanie Rinaldi: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt überhaupt keinen Bezug zu dieser Region. Und doch hat mich das dann immer weiter begleitet.
00:00:25: Stefanie Rinaldi: Das ist etwas, was vielleicht auch meinen nicht linearen Weg immer wieder geprägt hat.
00:00:29: Stefanie Rinaldi: Das sind Menschen, die oft nur eine Bemerkung gemacht haben, oft nebenbei, die ich irgendwie aufgeschnappt habe und die eine wichtige Wendung in meinem Leben mit sich gebracht hat.
00:01:03: Serina Heinen: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts Begegnungen | Rencontres | Incontri @fondetudes.
00:01:09: Serina Heinen: Ich bin Serina Heinen, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Geschäftsstelle der Schweizerischen Studienstiftung, und gegenüber von mir sitzt Stefanie Rinaldi.
00:01:18: Serina Heinen: Hallo Stefanie, es freut mich, dass du heute hier bist.
00:01:21: Stefanie Rinaldi: Guten Morgen, Serina. Es freut mich, hier zu sein.
00:01:24: Serina Heinen: Bevor wir ins Gespräch starten, möchte ich dich unseren Zuhörerinnen und Zuhörern gerne kurz vorstellen.
00:01:32: Serina Heinen: Du bist Co-Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls für Didaktik der Nachhaltigkeitswissenschaft und politische Bildung und Leiterin des Instituts für Fachdidaktik der Gesellschaftswissenschaften an der PH Luzern.
00:01:46: Serina Heinen: Ursprünglich hast du Internationale Beziehungen in Genf studiert. Nach einem Abstecher ins Bundesamt für Migration hast du einen LL.M. in Menschenrechten an der National University of Ireland absolviert.
00:02:00: Serina Heinen: Danach warst du Stipendiatin des Mercator-Kollegs für internationale Aufgaben und hast dich in diesem Rahmen mit der Menschenrechtsbildung in palästinensischen Flüchtlingscamps beschäftigt.
00:02:13: Serina Heinen: Deine Forschung zur Menschenrechtsbildung hast du schliesslich in deinem Doktorat vertieft. In deiner heutigen Funktion beschäftigst du dich vor allem mit Nachhaltigkeitsbildung und politischer Bildung. Und nicht zuletzt bist du Alumna der Schweizerischen Studienstiftung.
00:02:32: Stefanie Rinaldi: Genau, vielen Dank.
00:02:34: Serina Heinen: Ich würde gerne zuerst ein bisschen auf deinen Werdegang zurückblicken. Es war ja nicht von Anfang an klar, dass du Professorin werden möchtest. Vor dem Studium konntest du dir eine Karriere in der Tourismusbranche vorstellen. Später hast du dich dann auch stark für eine Tätigkeit in einer internationalen Organisation interessiert. Wie kam es dazu, dass du schliesslich in der Lehrpersonenausbildung gelandet bist?
00:03:05: Stefanie Rinaldi: Es ist tatsächlich so, dass mein beruflicher Weg nicht linear war, oder ich würde sogar sagen: alles andere als linear. Und doch glaube ich, dass die verschiedenen Stücke sehr gut zusammenpassen.
00:03:17: Stefanie Rinaldi: Als Kind wollte ich immer Lehrerin werden. Es gab verschiedene Punkte in meinem Leben, an denen ich Entscheidungen getroffen habe: für gewisse Themen, für gewisse Kontexte. Jetzt glaube ich, dass in meiner aktuellen Tätigkeit diese alle wieder zusammenkommen.
00:03:35: Stefanie Rinaldi: In meine aktuelle Tätigkeit kann ich mein Interesse für internationale Zusammenarbeit, für Themen wie Menschenrechte, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit einbringen, aber eben auch das grosse Interesse an Bildung.
00:03:50: Serina Heinen: Das hat also sehr gut geklappt, dass du deine verschiedenen Interessen dort vereinen kannst.
00:03:56: Stefanie Rinaldi: Ja, genau. Ich glaube tatsächlich auch, dass meine Erfahrungen sowohl beim Bundesamt für Migration als auch beim UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge extrem wertvoll sind, auch für das, was ich jetzt mache. Sei es, dass ich mit den Studierenden darüber diskutieren kann, oder dass ich meinen eigenen Horizont erweitern konnte. Ich glaube, solche Erfahrungen sind in der Bildung immer extrem wertvoll.
00:04:25: Serina Heinen: Nun bist du Co-Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls für Didaktik der Nachhaltigkeitswissenschaft und politische Bildung an der PH Luzern. Womit beschäftigst du dich im Moment, sei es in deiner Forschung, in der Lehre oder auch beim Aufbau des Lehrstuhls, das dich besonders fasziniert, besonders motiviert oder auch herausfordert?
00:04:48: Stefanie Rinaldi: Im Zentrum meiner Tätigkeit und meines Interesses steht die Frage, wie gesellschaftlich relevante Themen im Unterricht behandelt werden können und welche Rolle die Schule dabei einnimmt.
00:05:02: Stefanie Rinaldi: Fragen wie Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit oder Migration sind sehr anspruchsvolle Themen für die Schule, aber auch sehr relevante. Wie auch unsere Forschung zeigt, sind das Themen, die die Schülerinnen und Schüler beschäftigen. Deshalb ist es wichtig, dass Lehrpersonen Instrumente an die Hand bekommen, wie sie damit arbeiten können.
00:05:27: Stefanie Rinaldi: Etwas, was in meinem Alltag vielleicht nicht sehr sexy ist, mich aber schon beschäftigt, ist die Finanzierung unserer Arbeit. Das eine ist das Interesse an diesen Themen, das andere ist die Frage, wie wir unsere Projekte tatsächlich finanzieren können. Gerade in der aktuellen politischen Situation in der Schweiz mit den grossen Sparmassnahmen beschäftigt uns das stark.
00:05:54: Serina Heinen: Du hast Herausforderungen bei der Finanzierung angesprochen. Wo siehst du fachlich die grössten Herausforderungen, also bei dem, womit du dich fachlich beschäftigst?
00:06:05: Stefanie Rinaldi: Eine grosse Herausforderung besteht sicherlich darin, dass die Themen, mit denen ich mich beschäftige, nicht einfach einem bestimmten Fach zugeordnet werden können. Das macht es extrem spannend, weil es interdisziplinäre Themen sind. Es ist aber auch nicht immer einfach, wenn man sich nicht einem Fach oder einer Disziplin zugehörig fühlt.
00:06:27: Serina Heinen: Ich würde gerne auf die politische Bildung zu sprechen kommen, mit der du dich stark beschäftigst. Ich habe gelesen, dass diese an Schweizer Schulen noch ein Schattendasein führt. Einzig in den Kantonen Aargau und Tessin ist die politische Bildung ein eigenständiges Fach. Weshalb denkst du, hat die politische Bildung in der Schweiz einen scheinbar tiefen Stellenwert, gerade wenn man bedenkt, dass dieser für den Erhalt der Demokratie sehr wichtig wäre?
00:07:01: Stefanie Rinaldi: Ich glaube, hier stellt sich gerade diese Frage der Interdisziplinarität oder des eigenen Fachs. Ich teile die Einschätzung: Wenn man auf politische Bildung als Fach schaut, ist sie in der Schweiz tatsächlich wenig verbreitet.
00:07:17: Stefanie Rinaldi: Politische Bildung ist aber auch ein transversales Thema, das in verschiedene Fächer integriert werden sollte. Man spricht auch vom sogenannten Whole School Approach. Das bedeutet, dass die gesamte Schule politische Bildung umsetzen und Räume schaffen sollte, in denen politische oder demokratische Partizipation gelebt werden kann.
00:07:42: Stefanie Rinaldi: Für mich macht eine erfolgreiche politische Bildung aus, dass diese Aspekte kombiniert werden. Die Herausforderungen sind tatsächlich, dass es zum einen einen Ort braucht: entweder ein eigenes Fach oder ein Fach, das dafür zuständig ist, die Grundsteine zu legen.
00:08:00: Stefanie Rinaldi: Basiskonzepte wie Demokratie und Partizipation oder auch die politischen Prozesse in der Schweiz müssen wirklich erkundet werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen die Gelegenheit haben, sich vertieft damit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig braucht es die thematische Auseinandersetzung. Die ganze Schule ist gefordert, das umzusetzen.
00:08:26: Stefanie Rinaldi: Das ist natürlich ein hoher Anspruch, wenn man nicht einfach sagen kann, eine Person sei dafür zuständig und damit sei es erledigt. Es braucht vielmehr viel Koordination.
00:08:38: Stefanie Rinaldi: Eine Herausforderung ist auch, dass es in der Lehrpersonenbildung noch ungenügend umgesetzt wird. Es gibt verschiedene Ansätze. Die Frage ist natürlich immer: Wir haben für Primarlehrpersonen eine dreijährige Ausbildung, für Sekundarlehrpersonen eine viereinhalbjährige. Was lässt man dann weg?
00:08:58: Stefanie Rinaldi: Die Lehrpläne und Studienpläne sind jetzt schon voll. Wenn man mehr in die politische Bildung investieren möchte, müssen andere Dinge wieder reduziert werden. Das ist immer ein Prozess des Aushandelns und damit auch wieder ein politischer Prozess: Wie kann man diese Inhalte in der Aus- und Weiterbildung gut verankern?
00:09:21: Serina Heinen: Du sagst, der Lehrplan 21 ist schon ziemlich voll. Welchen Kompetenzen und Fähigkeiten gibst du persönlich Priorität? Was ist wichtig? Was müssen Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen? Was ist der Auftrag der Schule?
00:09:38: Stefanie Rinaldi: Angesichts der Tatsache, dass der Lehrplan 21 schon sehr hohe Anforderungen an Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler stellt, geht es wirklich vor allem darum, Dinge zu verknüpfen. Die politische Bildung ist auch Teil des Lehrplans, das muss ich noch sagen.
00:09:56: Stefanie Rinaldi: Zum Beispiel sollen Schülerinnen und Schüler verstehen, dass gesellschaftliche Themen wie der Klimawandel immer auch eine politische Dimension haben. Es geht darum, sich damit auseinanderzusetzen: Bei Massnahmen gegen den Klimawandel gibt es unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Meinungen. Es gibt Fragen dazu, ob Massnahmen notwendig sind, was man bereit ist aufzugeben und welche Massnahmen schliesslich tatsächlich umgesetzt werden sollen.
00:10:33: Stefanie Rinaldi: Da liegt die Schwierigkeit: Wenn es kein Fach gibt, in dem alle diese Grundlagen gelegt werden, und wenn das Verständnis für Demokratie nicht gefördert wird, ist es schwierig, bei solchen Themen auf die politische Dimension einzugehen.
00:10:50: Stefanie Rinaldi: Zentral ist für mich auch das Spannungsfeld, in dem sich die Schule befindet. Die Schule hat einen gesellschaftlichen Auftrag, solche Themen zu behandeln. Oft steht auch in Schulgesetzen, dass die Schule auf Dinge wie Demokratie oder soziale Gerechtigkeit hinarbeiten soll.
00:11:12: Stefanie Rinaldi: Gleichzeitig wird häufig gefordert, dass die Schule politisch neutral sein soll. Das ist kein Widerspruch in sich, aber es ist ein Spannungsfeld, das nicht ganz einfach zu navigieren ist.
00:11:23: Stefanie Rinaldi: Zentral ist deshalb, dass Lehrpersonen in der Ausbildung lernen, solche Themen zu behandeln, ohne die Schülerinnen und Schüler zu überwältigen. Wichtig ist, dass Lehrpersonen sehr sorgfältig mit ihren eigenen Meinungen umgehen. Sie müssen sich ihrer eigenen Meinungen und Werte bewusst werden und immer gut überlegen, wo diese ins Spiel kommen und wie sie sie kommunizieren.
00:11:51: Stefanie Rinaldi: Sie können auch offen darlegen: Das ist meine Meinung, und es ist in Ordnung, wenn ihr eine andere Meinung habt. Dafür ist natürlich ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern zentral.
00:12:02: Serina Heinen: Die Anforderung an die Schule, politisch neutral zu sein, bedeutet also nicht, dass Lehrpersonen neutral sein müssen?
00:12:11: Stefanie Rinaldi: Ja, genau. Politisch neutral heisst häufig auch parteipolitisch neutral. Ich glaube aber, eine Lehrperson kann nie vollkommen neutral sein. Sie steht als Person, als Mensch, vor den Schülerinnen und Schülern oder arbeitet mit ihnen. Schülerinnen und Schüler haben auch ein sehr gutes Gespür dafür, was Lehrpersonen eigentlich denken.
00:12:31: Stefanie Rinaldi: Ich glaube, es ist extrem schwierig, wenn man von Schülerinnen und Schülern erwartet, dass sie sich mit Themen auseinandersetzen und sich dazu äussern, selbst aber sagt: Ich sage nichts dazu, ich darf nichts dazu sagen. Es interessiert sie aber.
00:12:45: Stefanie Rinaldi: Wichtig ist, dass sie lernen: Ich darf trotzdem anderer Meinung sein. Weil eine Lehrperson eine sehr wichtige Vorbildfunktion hat, ist es natürlich nicht ganz einfach, sicherzustellen, dass die Schülerinnen und Schüler nicht zu stark von der Meinung der Lehrperson beeinflusst werden. Das im Alltag zu navigieren, ist tatsächlich eine sehr grosse Anforderung.
00:13:08: Serina Heinen: Während der Vorbereitung auf dieses Gespräch bin ich auf ein Konzept gestossen, nämlich das Kontroversitätsgebot im Rahmen der politischen Bildung. Könntest du hierzu noch etwas sagen?
00:13:21: Stefanie Rinaldi: Ja, genau. Das Kontroversitätsgebot ist Teil des sogenannten Beutelsbacher Konsenses aus Deutschland, der auch in der Schweiz häufig zur Anwendung kommt oder in der Schweiz als wichtiges Konzept gilt.
00:13:34: Stefanie Rinaldi: Der erste Teil davon ist das sogenannte Überwältigungsverbot, also dass die Schule oder die Lehrpersonen die Schülerinnen und Schüler nicht überwältigen dürfen. Der zweite Teil ist das Kontroversitätsgebot. Es besagt, dass Dinge, die in Gesellschaft und Politik kontrovers diskutiert werden, auch in der Schule kontrovers dargestellt werden müssen.
00:13:56: Stefanie Rinaldi: Natürlich stellt sich die Frage, was es heisst, dass etwas in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, und was es bedeutet, dass es in der Schule kontrovers dargestellt werden muss. Vor allem geht es darum, verschiedene Perspektiven aufzuzeigen.
00:14:11: Stefanie Rinaldi: Das bedeutet aber nicht, dass man keine roten Linien ziehen darf. Wenn zum Beispiel rassistische Bemerkungen im Klassenzimmer fallen, fällt das nicht unter das Kontroversitätsgebot. Als Lehrerin habe ich dann das Recht oder sogar die Pflicht, einzuschreiten.
00:14:28: Stefanie Rinaldi: Der dritte Teil des Beutelsbacher Konsenses sagt auch, dass wir uns an den Schülerinnen und Schülern orientieren und ihnen ermöglichen sollten, eine eigene Meinung zu bilden. Ich glaube, das ist zuletzt das Zentrale: Sie müssen die Fähigkeit erwerben, eine eigene Meinung zu bilden, diese in einen Diskurs einzubringen und auch andere Meinungen zu respektieren. Dann haben wir wirklich guten politischen Unterricht.
00:14:54: Serina Heinen: Nun haben wir über Themen gesprochen, mit denen du dich tagtäglich beschäftigst und zu denen du umfassende Expertise hast. Mich würde interessieren: Gibt es etwas, sei es eine Fähigkeit oder ein Thema, das nichts mit Nachhaltigkeit oder politischer Bildung zu tun hat, von dem du sagst, dass du es dir unbedingt noch aneignen oder erschliessen möchtest?
00:15:23: Stefanie Rinaldi: Da gibt es sehr vieles. Aber etwas, das ich unbedingt machen möchte: Ich habe während des Mercator-Kollegs, als ich in Jordanien arbeitete, eine Oud gekauft, eine arabische Laute, und auch Unterricht genommen. Leider steht sie aktuell in einer Ecke in meinem Schlafzimmer. Ich möchte das unbedingt noch richtig lernen.
00:15:43: Serina Heinen: Spannend. Gerne würde ich auch auf dein ehrenamtliches Engagement zu sprechen kommen.
00:15:50: Serina Heinen: Du hast dich neben deinen beruflichen Tätigkeiten immer ehrenamtlich engagiert. Du hast dich viele Jahre bei Amnesty International Schweiz für Menschenrechte eingesetzt und warst zuletzt auch Präsidentin des Vorstands. Heute engagierst du dich unter anderem bei der Schweizer Sektion von Scholars at Risk als Vorstandsmitglied und als Expertin beim Verein Sensability.
00:16:14: Serina Heinen: Könntest du den Zuhörerinnen und Zuhörern kurz erklären, was der Verein Sensability macht und welche Aufgaben du dort wahrnimmst?
00:16:25: Stefanie Rinaldi: Sehr gerne. Sensability ist ein Verein von Menschen mit Behinderungen, der sich für Menschen mit Behinderungen einsetzt. Das Spezielle daran ist, dass es eine Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen ist.
00:16:38: Stefanie Rinaldi: Wir setzen uns für Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion in der Schweiz ein. Ich selbst bin seit Kurzem Vorstandsmitglied. Ich bin dazu gekommen, weil ich früher gemeinsam mit Sensability Kurse zu Rechten von Menschen mit Behinderungen durchgeführt habe. Jetzt bin ich im Vorstand vor allem für die Bereiche Menschenrechte und Bildung mit dabei.
00:17:04: Stefanie Rinaldi: Dem Verein sind Schulungsangebote für Wirtschaft, Verwaltung, Schulen und weitere Bereiche sehr wichtig. Dabei geht es um den Umgang mit Menschen mit Behinderungen und vor allem darum, Barrieren abzubauen, die Menschen mit Behinderungen im Alltag erleben.
00:17:24: Serina Heinen: Wie kam es dazu, dass du dich dort engagierst?
00:17:28: Stefanie Rinaldi: Ursprünglich war es so, dass eine der Gründerinnen des Vereins bei mir ein Modul im Bereich Menschenrechtsbildung absolviert hat. Wir sind in Kontakt geblieben, und irgendwann hat sie angefragt, ob ich Schulungen zu Menschenrechten in diesem Bereich mit ihr durchführen würde.
00:17:47: Stefanie Rinaldi: Ich fand diese Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderungen extrem spannend, weil ich eine der ganz wenigen Personen bin, die sich in diesem Verein engagieren und selbst ohne Behinderung leben.
00:18:00: Stefanie Rinaldi: Es war einfach sehr eindrücklich zu sehen, wie all diese Menschen sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzen und dafür, dass sich im Alltag in der Schweiz etwas ändert.
00:18:12: Stefanie Rinaldi: Ich habe mich in meiner beruflichen Karriere oft mit Menschenrechten im Ausland auseinandergesetzt. Hier fand ich es toll, dass es wirklich auch um den Alltag in der Schweiz geht. Ich glaube, es ist extrem wichtig zu sehen: Auch in der Schweiz gibt es Verbesserungspotenzial, und auch in der Schweiz werden Rechte von Menschen verletzt.
00:18:33: Serina Heinen: Kommen wir zum Schluss noch auf die Studienstiftung zu sprechen. Wie eingangs erwähnt, bist du Alumna der Studienstiftung, und du warst auch einige Zeit im Vorstand des ehemaligen Vereins Suivi. Heute unterstützt du die Stiftung als Assessorin.
00:18:49: Serina Heinen: Gerne würde ich zuerst auf deine Zeit als Geförderte zurückblicken. Gibt es ein Erlebnis als Geförderte, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
00:19:02: Stefanie Rinaldi: Ja, eines sicher: der Sprachaufenthalt im Jemen, den ich dank der Schweizerischen Studienstiftung während meines Studiums absolvieren konnte. Ich war zwei Monate in Sana'a, in der Hauptstadt, und das war in vielerlei Hinsicht prägend für mein weiteres Leben.
00:19:18: Stefanie Rinaldi: Ich habe mich dort zum ersten Mal mit der arabischen Sprache auseinandergesetzt und auch eine Leidenschaft für diese Region entdeckt, die oft Mittlerer Osten genannt wird. Das hat dann auch dazu geführt, dass ich mich im Mercator-Kolleg mit der Situation in Palästina auseinandergesetzt habe.
00:19:37: Stefanie Rinaldi: Ich glaube, das ist wieder einer dieser Punkte: Es war eigentlich ein Zufall. Bei meinem Assessment für die Schweizerische Studienstiftung hat eine der Assessorinnen gesehen, dass ich sehr gerne Sprachen habe. Dann meinte sie: Wieso lernen Sie nicht einmal eine ganz andere Sprache, zum Beispiel Arabisch?
00:20:00: Stefanie Rinaldi: Ich hatte zu diesem Zeitpunkt überhaupt keinen Bezug zu dieser Region. Und doch hat mich das dann immer weiter begleitet. Das ist etwas, was vielleicht auch meinen nicht linearen Weg immer wieder geprägt hat.
00:20:12: Stefanie Rinaldi: Das sind Menschen, die oft nur eine Bemerkung gemacht haben, oft auch nebenbei, die ich irgendwie aufgeschnappt habe und die dann eine wichtige Wendung in meinem Leben mit sich gebracht hat.
00:20:27: Serina Heinen: Was du gerade angesprochen hast, dass du gewisse Hinweise aufnimmst und diese dann weiterverfolgst, diese intellektuelle Neugier, ist ja auch etwas sehr Wichtiges, das die Geförderten der Schweizerischen Studienstiftung ausmacht.
00:20:44: Serina Heinen: Du engagierst dich, wie gesagt, auch als Assessorin. Deshalb möchte ich dich fragen: Wie erkennst du Potenzial bei jungen Menschen, das über gute Noten hinausgeht?
00:20:54: Stefanie Rinaldi: Etwas, worauf ich schaue, sind diese speziellen Dinge im Lebenslauf. Das muss nicht immer das riesige Engagement sein, es können auch ganz kleine Dinge sein, an denen sich eine Person erkennen lässt. Ich versuche, die Begeisterung der Kandidatinnen und Kandidaten für ganz verschiedene Dinge zu spüren.
00:21:18: Stefanie Rinaldi: Natürlich ist es auch immer eine Herausforderung, dass gewisse Personen das besser zeigen können als andere. Bei Personen, die vielleicht etwas introvertierter sind, ist es manchmal schwierig, das wirklich herauszukitzeln.
00:21:32: Stefanie Rinaldi: Wichtig sind auch Dinge wie eigene Erfolgsgeschichten, aber auch Niederlagen oder ein Scheitern zu erkennen und reflektieren zu können. Dazu gehört vielleicht auch zu realisieren, dass Erfolgsmomente natürlich selbst verdient sind, aber auch Teil eines grösseren Ganzen: dass sie zu denen geworden sind, die sie sind, weil bestimmte Umstände dazu geführt haben und weil bestimmte Menschen sie begleitet haben.
00:21:58: Stefanie Rinaldi: Ich glaube, das sind Aspekte, die mir zeigen: Sie erkennen, dass sie etwas zu ihrem eigenen Erfolg beitragen können, dass aber auch äussere Umstände wichtig sind.
00:22:17: Stefanie Rinaldi: Zuletzt geht es mir darum, den Menschen zu entdecken, der hinter dem steht, was ich sehe, was ich höre und was ich auch in den Unterlagen lese. Das kann eigentlich nur im Gespräch funktionieren. Dort spürt man: Das sind Personen, die für etwas brennen und die etwas bewirken möchten.
00:22:43: Serina Heinen: Damit sind wir schon am Ende dieser Folge angekommen. Liebe Stefanie, ganz herzlichen Dank für das spannende Gespräch.
00:22:52: Serina Heinen: Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und viel Freude an dem, was du tust, und alles Gute.
00:23:00: Stefanie Rinaldi: Danke vielmals für das Gespräch.
00:23:04: Serina Heinen: Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, auch an euch ein herzliches Dankeschön, dass ihr bei der heutigen Begegnung mit dabei wart.
00:23:13: Serina Heinen: Unsere Reise mit spannenden Persönlichkeiten aus dem Netzwerk der Schweizerischen Studienstiftung geht natürlich weiter. Wenn ihr keine Folge verpassen möchtet, abonniert unseren Podcast auf eurer bevorzugten Plattform.
00:23:26: Serina Heinen: Über Feedback und Ideen freuen wir uns jederzeit. Schreibt uns einfach an info@studienstiftung.ch.
00:23:33: Serina Heinen: Ich wünsche euch eine gute Zeit und bis zum nächsten Mal.
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